Hier wollen wir die Geschichte der wenig beachteten und relativ unbekannten ehemaligen Neuburg / Schellenburg im Isarwinkel bei Lenggries nachgehen, die sichtbaren Spuren der Ruine zeigen und mit Hilfe einer virtuellen 3D-Rekonstruktion den Zustand der Anlage um das Jahr 1180 visualisieren.

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Geschichte und Überlieferungen
- Ca. 1150: Bischof Otto von Freising übergibt den Wald genannt Wackersberg an das Kloster Schäftlarn; Womöglich, um hier im Isarwinkel einen Stützpunkt gegenüber den Einflusssphären des Klosters Tegernsee aufzubauen. Beteiligt an der darauf folgenden Rodung waren wohl Mitglieder der Sippe Gotzing-Schellenberg (an der Mangfall).
- Hintergrund I: Bischof Otto wird in Tegernseer Quellen als „reißender Wolf“ bezeichnet, der aggressiv versucht Rechte und Grundbesitz des Klosters einzukassieren. In diesem Zuge hat er zuvor bei Gotzing an der Mangfall, gegenüber von Pienzenau einen gegen Tegernsee gerichteten Posten aufgebaut. Als 1155 Rupert von Hohenburg neuer Abt in Tegernsee wird, könnte das der Auslöser für die Entstehung der Neuburg im Isarwinkel, in Sichtweite gegenüber der Hohenburg gewesen sein.
- Hintergrund II: In früheren Zeiten wurde der gesamte Isarwinkel links der Isar als Wackersberg bezeichnet. Das heutige Lenggrieser Gemeindegebiet links der Isar war von ca. 1280 bis 1715 als „Oberwackersberger Viertel“ Teil des Landgerichts Tölz. 1715 kam dieser Bereich zur Hofmark Hohenburg und wurde von da an als „Neue Hofmark“ bezeichnet.
- 1186/87 Mehrere Personen mit dem Zunamen Neuburg tauchen in Urkunden auf: Sophie von Neuenberg (Nivwenberch), Tochter des Rudolf von Hohenwaldeck; Otto von Neuenberg, Onkel des Ulrich von Finsing, und ein Friedrich von Neuenberg. Friedrich von Neuburg dürfte gleichzusetzen sein mit Friedrich von Schellenberg, der in früheren Urkunden öfters auftaucht.
Gleichzeitig verändern sich nach dem Tod Bischof Ottos die politischen Interessen und Abhängigkeiten, sodass die Neuburg in Tegernseer Besitz kommt. - Um 1206/1217 sind die von Schellenberg / Neuburg in männlicher Linie in unserer Region ausgestorben.
- Ergänzend: Es ist immer noch nicht abschließend zu klären, ob sich zur selben Zeit wirklich ein Zweig dieser Familie im heutigen Liechtenstein niedergelassen hat oder nicht. Einige Indizien sprechen allerdings dafür.
- Als Nachfolger der Schellenberger dürften die Schneck auf der Neuburg eingezogen sein. Die Schneck waren Untervögte der Andechser Grafen für das Kloster Tegernsee und setzten sich zu dieser Zeit in eingen Orten im Klosterbereich fest.
- 1242 wird Berthold (II) Schneck Abt im Kloster Tegernsee. Schon bei seiner Wahl soll es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein, sodass ihn der Freisinger Bischof Konrad (I) von Tölz-Hohenburg nicht anerkennt und ihm auch die Priester- und Abtweihe verwehrt. Berthold Schneck benahm sich in seiner Rolle als Abt derart daneben, dass es der Intervention des Papstes und den Zusammenschluss der Geistlichkeit und der Bauern im Machtbereich des Tegernseer Klosters benötigte, das wilde und eigenmächtige Handeln des Abtes zu brechen. Er wurde 1248 offiziell für abgesetzt erklärt.
- Um 1250, als Reaktion auf Bertholds handeln, wurden die Schneck aus allen Positionen vertrieben; sie tauchen danach nur noch als Bauern auf. In diesem Zusammenhang wurde die Neuburg vermutlich von Gebhard von Tölz-Hohenburg (Halbbruder des Bischofs Konrad) zerstört, wie eine Streitbeilegung von 1257 vermuten lässt: Gebhard gibt alle Felder, Wälder, Wiesen und allen anderen Besitz, den er am Wackersberg unrechtmäßig an sich gezogen hatte, an das Kloster Schäftlarn zurück und bezahlt 5 Talente als Ersatz für eine zerstörte oder beschädigte Mühle in diesem Gebiet.
- 1289 wird von Neuburg nur mehr der Wirtschaftshof in Takt gewesen sein. Im ältesten Klosterurbar von Tegernsee sind Abgaben von 300 Käsen durch den Schneck von Neuburg vermerkt: „Newnburch Snekko CCC caseos“
- Ab spät. 1427 erscheint im Tegernseer Klosterurbar das Amt „Newnburgk im Isarwinkel“. Der Amtssitz wird sich aber im Wirtschaftshof am Fuß des Burgbergs befunden haben, nicht mehr auf der Burg.

Die Neuburg / Schellenburg bei Lenggries
Buch im A5-Hochformat, 108 Seiten, teilweise farbig, 2023
ISBN 978-3-757-85445-4
9,59 EURO
Auch als E-Book erhältlich (5,59 EURO)
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Die Namensproblematik
Historisch ist allein der Name „Neuburg“ belegt.
Die heute übliche Bezeichnung als „Schellenburg“ ist eine Erfindung von Heimatforschern des 19. Jh., die Burg selbst hieß nie so! Der Ortsteil, in dem die Ruine heute liegt, wurde sogar erst in den 1960er Jahren von Untermurbach zu Schellenburg umbenannt. Andere, weniger gebräuchliche Namen für die ehemalige Burg sind (oder waren) „Pföderlburg“ und „Isarburg„.
Der Standort der ehemaligen Burg trägt den schlichten Flurnamen „In der Burg„.

Die Ruine
Grundriss der obertägig erkennbaren Strukturen.
- Hohlweg / Engstelle zwischen Felsen
- Wall und Graben der Vorburg
- Halsgraben
- Wohnturm
- evtl. Bergfried
Absturzgefahr! Weder Wege noch Pfade führen zum Burgstall. Der Zustieg erfolgt durch sehr steiles Gelände mit viel Totholz und starkem Bewuchs. Trittsicherheit und festes Schuhwerk sind unerläßlich!
Der Burgstall selbst ist ungesichert und liegt an einer Felswandkante!
1) Hohlweg
Natürliche Engstelle zwischen Felsen am oberen Ende einer sehr steilen Rampe. Nicht mit Wagen passierbar, nur zu Fuß oder mit Tragtieren.


2) Vorburg-Wall
Die Vorburg füllt den gesamten Sattel zwischen der Kernburg im Osten und dem deutlich höheren Hangrücken im Westen. Im Gelände sind noch ganz leichte Spuren eines Walls (vermutlich Palisade) und des vorgelagerten Grabens erkennbar.


3) Halsgraben
Der Halsgraben trennt die Kernburg von der Vorburg. Er ist künstlich angelegt und teilweise in Fels gehauen, um das ohnehin schon ansteigende Gelände noch steiler zu machen.


4) Wohnturm
Die eindeutigsten Spuren einer ehemaligen Bebauung sind ein paar kurze, niedrige Mauerstücke. Sie ergeben zusammen mit wallartigen Bodenerhebungen einen leicht trapezförmigen Gebäudegrundriss, der sehr gut zu einem Wohnturm passt.



5) Bergfried
Eine sehr gleichmäßige, kegelförmige Erhebung zwischen Halsgraben und Wohngebäude könnte ein verstürzter Bergfried gewesen sein. Die Position direkt nach dem Graben an der südlichen Felswand würde dazu passen.


Virtuelle 3D-Rekonstruktion
Die virtuelle 3D-Rekonstruktion zeigt die Neuburg wie sie um 1180 ausgesehen haben könnte. Es handelt sich bei den Visualisierungen um typisierte Darstellungen, die ein mögliches, für die Zeit passendes Bild der ehemaligen Burganlage vermitteln können. Die Bebauung der Vorburg bleibt dabei zum Beispiel spekulativ. Ebenso muss die Kernburg nicht zwangsläufig von einer Mauer umfasst worden sein, es könnte auch eine hölzerne Palisade gewesen sein. Archäologische Grabungen, die diese Sachverhalte klären könnten gab es bisher nicht.



